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Soft Skills sind die neuen Hard Skills


Empathy

„Die vergangenen Jahrzehnte haben einer ganz bestimmten Sorte Mensch mit einer ganz bestimmten Denkweise gehört – Computerprogrammierern, die Codes schreiben, Rechtsanwälten, die Verträge aufsetzen, und MBAs, die Zahlenkolonnen analysieren konnten. Die Zukunft gehört einer anderen Sorte Mensch mit anderer Denkweise: Gestaltern und Empathikern, Mustererkennern und Sinnstiftern.“[1]

 

Daniel Pink beschreibt hier, was wir seit einigen Jahren in einer globalisierten, digitalisierten, immer komplexeren Wirtschaft bereits erleben: Alles, was in anderen Ländern billiger erledigt werden kann, wird auch dort erstellt. Menschen in Asien können genauso gut, nur preiswerter als Deutsche, programmieren und rechnen. Ergo: IQ-abhängige Tätigkeiten sind heutzutage einfach zu ersetzen. Nicht so einfach zu ersetzen sind solche, für die Empathie oder originelle gedankliche Kombinatorik nötig sind.

 

Denn new work verlangt andere Kompetenzen als sie die industrielle Wissensgesellschaft hervorbringt. Gefragt ist der ganze Mensch. Gefragt ist die Fähigkeit, mit anderen Menschen in ganzheitlicher Art zusammenzuarbeiten. Das bedarf der Bereitschaft, sie in ihrer Besonderheit wahrzunehmen und sie so sein zu lassen, wie sie sind. Es erfordert das ständige Bemühen, ihre Sicht der Dinge zu verstehen und diese als Bereicherung anzuerkennen. Auch dann, wenn man sie für falsch hält; ebenso den Mut, Konflikte auszutragen oder Differenzen auszuhalten und dabei immer wieder um eine gute persönliche Beziehung zu ringen. Und nicht zuletzt das Vertrauen, sich im Prozess der Kollaboration mit anderen immer wieder zu öffnen und infrage zu stellen. Die Latte liegt also hoch.

 

Um neue Ideen und Lösungen für die Zukunft der Menschheit zu finden oder solche, die das Leben erleichtern und angenehmer machen, brauchen wir mehr Kreativität und kontextuelles Denken, mehr emotionale Kompetenzen und Selbststeuerung, mehr Flexibilität und Kollaboration – die Hard Skills der Zukunft. Dieser Paradigmenwechsel muss ins Bewusstsein der Führungsetagen vordringen, wenn wir international mithalten wollen. Und das ist bei weitem noch nicht der Fall. Das bewährte Muster, linear, sachlogisch und analytisch denkende Mitarbeiter*innen einzustellen, herrscht in den Ausschreibungen weiterhin vor.

 

Die Fähigkeit zur Kollaboration wird nicht verlangt. Vielmehr ist der Spaß daran ein nice to have: „Spaß an der Arbeit in internationalen Teams.“ Reinhard Sprenger sagt dazu: “Wichtig als Kriterium ist die Passung! Unter dem Vorrang der Zusammenarbeit sollten sie keine Leute einstellen, die fachlich gut sind, aber nicht teamfähig. Warum? Fachliches kann man lernen – Zusammenarbeit kaum. Daher gilt: Hire for attitude, train for skills.“[2] Der These ist zuzustimmen, mit der Einschränkung, dass die innere Haltung sehr wohl veränderbar ist. Voraussetzung dafür: Mensch muss wollen.

 

Leider bereiten die verschulten Bachelorstudiengänge heute mehr denn je Träger von Faktenwissen vor. „Soft Skills“ gelten nach wie vor als netter Zusatz oder werden – wenn  überhaupt angeboten – völlig kontraproduktiv in Klausuren oder Präsentationen geprüft und mit Punkten benotet, als ob es sich hierbei um auswendig erlernbare Fakten handele. Auch die Schule ist heutzutage weit davon entfernt, zukunftsorientierte Fähigkeiten zu vermitteln.

 

Wie können die oben genannten Skills erlernt werden? Oder: Können sie überhaupt erlernt werden?

 

Die gute Antwort ist: Ja, bis zu einem gewissen Maß kann Mensch diese Fähigkeiten erlernen. Vorausgesetzt, der Wille dazu ist individuell und organisational vorhanden. Förderlich ist, wenn bereits im Kindesalter Räume für Kollaboration, Kreativität und Selbststeuerung angeboten und die Erfahrungen damit reflektiert werden.

 

Wissensvermittlung allein reicht nicht. Die pädagogische Aufgabe – gerade mit erwachsenen Lernenden – besteht vielmehr darin, herausfordernde Lernumgebungen und -settings zu schaffen, in denen immer wieder die Komfortzone verlassen werden muss. Ebenso ist der Lernprozess durch gezielte Aufgaben zu steuern und beobachtend zu begleiten und des Weiteren ist für die Dokumentation der Erkenntnisse und Erfahrungen – Irrtümer eingeschlossen – zu sorgen.

 

Ein Buch, ein Seminar oder ein Workshop können nur ein Impuls sein, sich Fähigkeiten für Kollaboration anzueignen. Das eigentliche Lernen beginnt erst danach: durch individuelles, bewusstes Nutzen bestimmter Erkenntnisse, durch redundantes Immer-wieder-Tun, so wie zweimal täglich Zähneputzen. Das ist oft ein mühevoller Prozess, der sich aber immer – ja: immer – lohnt.

 


  • [1] Daniel Pink: Unsere kreative Zukunft. Warum und wie wir unser Rechtshirnpotenzial entwickeln müssen. 1. Aufl. 2008, S. 11
  • [2] Reinhard Sprenger: Radikal führen

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