Zusammenarbeiten durch Zusammenwürfeln? Ob das gut geht?
Coworking-Spaces und offene Arbeitsorte vermitteln oft den Eindruck, dass Zusammenarbeit dort leichter entsteht: Man sitzt nebeneinander, teilt einen Raum, kommt ins Gespräch – und schon ergeben sich Möglichkeiten. Nähe wirkt wie ein Katalysator. Doch die Frage bleibt: Führt räumliche Nähe tatsächlich zu produktiver Zusammenarbeit, oder entsteht nur der Anschein davon?
Beobachtungen zeigen ein ambivalentes Bild. Niedrigschwellige Kontakte entstehen fast automatisch. Ein kurzer Austausch, ein Blick über den Bildschirmrand, eine spontane Frage – all das senkt die Hürde für erste Annäherungen. Diese Gespräche sind freundlich, offen, informell. Sie erzeugen Energie, Resonanz und gelegentlich auch neue Ideen. Doch sie bleiben oft im Vorfeld von Zusammenarbeit stehen. Nähe erzeugt Anschlussfähigkeit, aber nicht automatisch Passung.
In vielen Fällen treffen im gemeinsamen Raum unterschiedliche Arbeitslogiken aufeinander. Menschen suchen Verschiedenes: Ruhe, Austausch, Inspiration, Sichtbarkeit, Ablenkung, Struktur. Genau diese Mischung ist attraktiv, aber sie ist kein Garant für gemeinsame Projekte. Gruppen entstehen nicht dadurch, dass Menschen denselben Tisch teilen, sondern dadurch, dass sie denselben Bezugsrahmen entwickeln. Und der entsteht selten spontan.
Typische Spannungen zeigen sich schnell: Ein Gespräch wird vertieft, aber Ziel und Erwartung bleiben unscharf. Die Interessen passen nur teilweise zusammen. Rollen sind unausgesprochen. Manche bringen früh Energie ein, andere warten ab. Verbindlichkeit wird vertagt, weil niemand den Moment findet, vom freundlichen Austausch zu einer gemeinsamen Aufgabe umzuschalten. Was als „Kooperation in Aussicht“ beginnt, endet nicht selten in höflicher Distanz.
Das Problem liegt nicht im Raum, sondern im Zwischenraum: Spontane Zusammenarbeit scheitert meist nicht an fehlender Motivation, sondern an fehlender Passung. Aufmerksamkeit richtet sich in denselben Sekunden auf ähnliche Themen, aber der gemeinsame Rahmen fehlt: Worum geht es? Wer übernimmt was? Wie sieht Fortschritt aus? Was wird voneinander erwartet? Die entscheidenden Fragen bleiben ungestellt.
Coworking bringt damit zwei widersprüchliche Kräfte zusammen. Einerseits erleichtert es Kontakt und Austausch. Andererseits verdeckt es die Tatsache, dass Zusammenarbeit immer eine bewusste Entscheidung ist – nicht das automatische Resultat räumlicher Nähe. Der Raum schafft Potenzial, aber kein gemeinsames Verständnis.
Das heißt nicht, dass Zusammenarbeit im Zufallskontext nicht möglich wäre. Sie braucht nur mehr als Begegnung: eine kurze Klärung der Schnittstellen, ein gemeinsames Ziel, ein Gefühl dafür, ob die jeweiligen Arbeitsweisen zusammenpassen. Teams, die diesen Übergang bewusst gestalten, erleben Coworking als fruchtbaren Boden. Wer darauf verzichtet, erlebt häufig das Gegenteil: Ideen entstehen, aber sie tragen nicht.
Zusammenwürfeln funktioniert also – aber nicht von selbst. Nähe erzeugt Energie. Passung entscheidet, was daraus wird.
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