Erlebnisorientiertes Training im Living Lab
Wir entwickeln Formate nicht aus Konzepten heraus, sondern aus Beobachtungen. Das erlebnisorientierte Training entstand aus der Frage, wie sich typische Kommunikations- und Entscheidungsdynamiken in Gruppen so sichtbar machen lassen, dass Teilnehmende sie nicht nur verstehen, sondern erleben.
Der Ansatz folgt unserer Grundlogik: angewandte Forschung in iterativen Experimenten, nicht die Übertragung fertiger Modelle.
1. Ausgangspunkt: Lernen durch Erleben, nicht durch Erklären
Viele Trainings vermitteln Methoden, bevor Gruppen überhaupt erlebt haben, warum sie diese benötigen. Unser Ansatz ist umgekehrt. Wir schaffen Situationen, in denen Muster unmittelbar auftreten – Eskalation, Rollenbildung, Koordination, Wahrnehmungsverzerrungen – und ermöglichen erst im Anschluss die Reflexion darüber. Dadurch entsteht ein anderes Verständnis: weniger theoretisch, dafür dichter, präziser und anschlussfähiger an die eigene Praxis.
2. Methodik: Iterative Entwicklung im Living Lab
Die Entwicklung erfolgte in sieben Iterationen mit jeweils rund fünf Teilnehmenden. Jede Iteration wurde von zusätzlichen Beobachtenden begleitet, die Protokolle führten – nicht zur Bewertung der Teilnehmenden, sondern zur Analyse der Muster. Der Entwicklungsprozess folgte einem klaren Zyklus:
- Durchlauf des aktuellen Prototyps
- Beobachtung von Verhalten, Entscheidungen, Stimmung und Interaktionsqualität
- Identifikation von Mustern oder Brüchen
- Hypothesenbildung
- gezielte Variation für die nächste Iteration
Der erste Prototyp bestand aus einem einfachen paper-based Setting mit zwei Personen. Er wirkte eher wie eine theatrale Versuchsanordnung und hatte nur ein Ziel: zu zeigen, ob sich Muster unter reduzierten Bedingungen erzeugen lassen.
3. Experimentelle Variationen: Was wir verändert haben – und warum
Um zu verstehen, wie Muster entstehen, wurden zentrale Parameter systematisch variiert: Gruppengröße, Gruppentyp, Setting, Immersionsgrad, Erwartungsrahmen, didaktische Eingriffe und multimediale Stimuli. Jede Variation erzeugte andere Beobachtungsfenster: Koordinationslast, Rollenbildung, Stressverhalten, Interpretationslogik oder Lernschleifen.
4. Beobachtete Muster: Was sich über Iterationen hinweg zeigte
Über alle Iterationen hinweg wurden bestimmte Dynamiken konstant sichtbar – unabhängig von Gruppentyp, Variation oder Setting. Diese Dynamiken entstehen durch die Art, wie Menschen unter begrenzter Information, wachsender Komplexität und sozialem Druck handeln. Einige Muster traten besonders deutlich hervor:
- Starke Einbindung ins Geschehen
Teilnehmende reagieren schnell authentisch auf das, was sie wahrnehmen. Das Verhalten bleibt nicht auf einer Spielebene, sondern zeigt reale Muster von Fokus, Orientierung und Entscheidungsdruck.
- Musterwechsel bei Unsicherheit
Sobald Klarheit fehlt, orientieren sich Gruppen an wenigen frühen Signalen. Einzelne Informationen gewinnen überproportionale Bedeutung und wirken wie Anker, an denen sich weitere Entscheidungen ausrichten.
- Spontane Rollenbildung
Auch ohne Rollenvorgaben entstehen innerhalb kurzer Zeit stabile Positionen: wer treibt, wer beobachtet, wer moderiert, wer sich zurückzieht. Die Rollen sind nicht vorgegeben, sondern ergeben sich aus der Situation – und wurden über Iterationen hinweg reproduzierbar beobachtet.
- Wahrnehmung verengt sich unter Druck
Teilnehmende berichten im Rückblick, wie schnell vermeintliche Fakten entstanden sind, obwohl sie auf Annahmen basierten. Früh gesetzte Interpretationsrahmen wirken stark formend und bestimmen oft mehr als die eigentlichen Informationen.
- Denk- und Gesprächsmuster lassen sich gezielt herausfordern
Fragen, die jenseits des unmittelbaren Handlungsschemas liegen, erweitern die Perspektive deutlich. Sie sind nicht „schwer“, sondern ungewohnt – und führen sichtbar dazu, dass Gruppen ihr Verständnis von Situation, Absicht und Wirkung reflektieren.
5. Dramaturgie, Gestaltung, Didaktik
Das Training nutzt eine dreiteilige Dramaturgie, audiovisuelle Reize und eine mehrschichtige Didaktik. Theorie wird nicht erklärt, sondern in der Reflexion entdeckt. Die Gestaltung erzeugt Spannung, ohne operative Elemente offenzulegen.
6. Was das Training als Forschungsformat auszeichnet
Das Training ist ein Experimentierraum: Es ermöglicht reale emotionale Reaktionen in sicherem Rahmen, beobachtbare Muster unter kontrollierter Variation und das Testen von Interventionen. Die sieben Iterationen haben ein Format hervorgebracht, das Muster reproduziert, sichtbar macht und zugänglich macht – ohne den Ablauf offenlegen zu müssen.
Fazit
Das Erlebnisorientierte Training ist ein Forschungslabor im Kleinen: ein Ort, an dem Gruppen ihre Muster zeigen, bevor sie über sie sprechen. Erkenntnisse entstehen nicht durch Modelle, sondern durch Erleben, Beobachten und Reflexion. Es steht exemplarisch für unsere Arbeitsweise: experimentell, iterativ, mutig – und immer mit dem Ziel, Zusammenarbeit verständlicher und gestaltbarer zu machen.
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